Rede der Oberbürgermeisterin beim Neujahrsempfang 2018

Meine sehr geehrten Damen und Herren, wir leben in Zeiten, in denen Gewissheiten ungewiss werden. Wer hätte je gedacht, dass in den Vereinigten Staaten - Leuchtturm und Vormacht der freien Welt - ein erratischer Präsident diese Supermacht unberechenbar erscheinen lässt? Wer hätte nach den düsteren Erfahrungen der Weimarer Republik je gedacht, dass sich in Deutschland die demokratischen Parteien so schwer tun, eine gemeinsame Regierung zu bilden? Wer hätte je gedacht, dass ein zivilisatorischer Quantensprung wie das Verschwinden der Grenzen innerhalb Europas und das auf friedlichen Austausch gegründete Zusammenwachsen der Welt, so tiefgreifende Ängste auslösen könnten?

Und doch erleben wir gerade, wie in der öffentlichen politischen Debatte und noch schlimmer mit der gefühlsmäßigen Abwendung eines nicht geringen Teils der Bevölkerung in Deutschland von der europäischen Idee und der Globalisierung, der Ruf nach einem Rückzug in ein nationales Schneckenhaus immer salonfähiger wird. Die Forderung nach Rückbesinnung auf Begriffe und Werte wie die Heimat wird in diesem Zusammenhang immer wieder laut.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, mich machen solche Rufe nachdenklich. Ich selbst, viele von Ihnen wissen das, stehe dem Begriff der Heimat sehr positiv gegenüber. Ich bekenne mich sehr bewusst zu dem politischen Auftrag, Rosenheim als lebens- und liebenswerte Heimat zu erhalten und zu gestalten, wie ich es viele Dutzend Male, auch im Rahmen dieses Neujahrsempfangs bekräftigt habe. Deshalb versuche ich, mich dem Begriff der Heimat etwas zu nähern.

Zunächst die Frage, ob es so etwas wie Heimat noch geben kann in einer mobilen Gesellschaft, in der sehr Viele nicht mehr an dem Ort leben, an dem sie geboren oder aufgewachsen sind, weil sie für die Ausbildung, das Studium oder für den Beruf – oft mehrmals – fortgezogen sind. Wenn man aber nicht in der Region bleibt, funktionieren dann Assoziationen zur scheinbaren Renaissance des Heimatbegriffs wie der Geburtsort, die Landschaft, aus der die Eltern stammen oder ähnliche auf eine bestimmte Region bezogene Begriffe? Greift dann der Rückgriff auf Heimat als romantische Vorstellung im Stil des 19. Jahrhunderts? 

Meine sehr geehrten Damen und Herrn, ein Phänomen unserer Zeit sind ausgesprochene Lifestyle-Ikonen des Digitalzeitalters, die einen Lebensstil pflegen, der scheinbar radikal mit der Bindung an die Heimat bricht. Es handelt sich um Personen, die digitale Dienstleistungen erbringen, die grundsätzlich ungebunden von Zeit und Ort angeboten werden können. Es ist für den Kunden egal, ob die Person in einem Büro in Rosenheim sitzt oder an einem tropischen Strand, einer Berghütte in den Rocky Mountains oder an welchen Sehnsuchtsort man sich gerade träumen will. Einzige Voraussetzung: Ein stabiler Zugang zum Internet!

Estland, der Staat in Europa, der sich bewusst am Weitesten in Richtung totaler Digitalisierung aufgemacht hat, hat dafür auch ein passendes Unterstützungsinstrument geschaffen: Die so genannte digitale Staatsbürgerschaft.

Wer unbescholten und entsprechend netzaffin ist, kann damit alle Funktionen einer klassischen Staatsbürgerschaft nutzen - außer dem Wahlrecht und dem Recht auf diplomatische Vertretung. Was möglich ist, ist die Gründung einer Firma in Estland, über die unabhängig vom physischen Aufenthaltsort alle wirtschaftlichen Aktivitäten abgewickelt werden können. Um es auf den Nenner zu bringen: Es ist heutzutage relativ einfach, unabhängig von einem festen Ort zu arbeiten und zu leben, sich aber trotzdem eine tragfähige, rechtssichere Existenz aufzubauen. 

Ich gestehe ganz offen: Wäre ich 20 oder 25 empfände ich das ganz sicher als eine faszinierende Vorstellung. Aber ist es auch eine Perspektive? Stetig sich wie ein Blatt im Wind von Ort zu Ort treiben lassen und doch nirgends wirklich anzukommen? Ist es dem Menschen nicht inne gelegt, sich an einem Ort niederzulassen? Sehnt man sich nach einem langen, unsteten Leben nicht danach, wieder dorthin zurück zu kehren, wo man herkommt?

Ist Heimat also nicht doch heimkommen?

Meine sehr geehrten Damen und Herren, will man dieser Frage nachspüren, muss man sich mit dem Schicksal derjenigen beschäftigen, die aufgrund äußeren Zwangs nicht mehr dorthin gehen können, woher sie kommen. Zu den eindrücklichsten Gesprächen, die ich im Laufe meiner Amtszeit geführt habe, gehören deshalb solche mit deutschen Heimatvertriebenen über den Begriff Heimat. Diese Menschen wurden nach dem 2. Weltkrieg gewaltsam aus ihren Häusern, Bauernhöfen und Geschäften verjagt. Sie konnten oftmals kaum mehr als Erinnerungen an den Ort mitnehmen, in dem sie geboren oder aufgewachsen waren. Auf die Frage, was ihnen der Begriff Heimat bedeute, wird dieser zunächst mit Landschaften verknüpft, mit Ortsbildern, mit prägenden Bauwerken, oftmals auch schlicht mit dem früheren Elternhaus oder Bauernhof. Alles bezogen auf einen konkreten Flecken Erde, der auf unbestimmte Zeit nicht mehr erreichbar war.

Gleich danach wurden Bräuche, Traditionen, Feste genannt, die man hochhält und die wie eine generationenübergreifende Brücke in diese verlorengegangene Heimat wirken. Auch Lieder, Tänze, Mundarten, Trachten oder kulinarische Spezialitäten vermögen eine solche Brückenfunktion auszuüben. Schließlich aber schälte sich in allen solchen Gesprächen immer eine Kernerkenntnis heraus: Das wahre Gefühl für Heimat stellt sich im Zusammensein mit Menschen ein, die die gleichen Erfahrungen, Werte und Grundhaltungen teilen.

Kurz: Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss. 

Dabei wird es mit der Zeit immer weniger wichtig, ob diese Menschen das gleiche Schicksal erlitten haben, also auch Vertriebene sind. Allein wichtig ist das Gefühl der Zusammengehörigkeit und des Angenommenseins in einem stabilen und intakten sozialen Umfeld. Einer meiner Gesprächspartner hatte dafür ein Bild: Im Garten seines Elternhauses in der alten Heimat stand ein Baum, an den er sich trotz Vertreibung in sehr jungen Jahren gut erinnern konnte. Als er sich ein Haus baute, pflanzte er einen ebensolchen Baum in seinen Garten. So wie der Baum wuchs, sich seine Wurzeln in die Erde gruben und ihm Halt und Stabilität gaben, so wuchs auch der Mann in eine neue Umgebung, in ein neues Umfeld hinein, das er schlussendlich auch seine Heimat, die zweite Heimat nannte.

Ein schönes Bild: Heimat ist da, wo wir Wurzeln schlagen können.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, woher wir auch ursprünglich stammen mögen, wohin uns unser Lebensweg vorher auch geführt haben mag, ich glaube sagen zu können, alle hier im Saal haben ihre Wurzeln in Rosenheim und der Region geschlagen. Und jeder von Ihnen hier sorgt mit seinem Engagement und seiner Arbeit dafür, dass Rosenheim immer wieder auch für andere zur Heimat werden kann.

Ja, ich sage, Sie, meine Damen und Herren, schaffen Heimat: 

Mit der ehrenamtlichen Arbeit im Sportverein, die junge Menschen einlädt, den Tag nicht stumpf vor dem Computer zu verbringen, sondern mit anderen zusammen aktiv und leistungsorientiert Spaß zu haben. In dem Engagement in den Pfarreien, mit dem Sie Menschen, die wegen ihres Alters oder einer Behinderung leicht ins Abseits geraten könnten, in Ihrer Mitte willkommen heißen und in das Gemeindeleben einbeziehen. Im Trachtenverein, im Theaterverein, im Gesangsverein, im Historischen Verein, indem Sie Traditionen und Bräuche aufrechterhalten oder auf geschichtliche Ereignisse hinweisen, die für unser Selbstverständnis als Rosenheimer Bürgerinnen und Bürger prägend sind. Und auch alle diejenigen, die kommunalpolitisch Verantwortung für ihre Gemeinden, für den Landkreis tragen, schaffen und gestalten Heimat.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, Heimat ist kein Begriff, auf den eine Ideologie oder Weltanschauung ein Exklusivrecht haben kann oder haben darf. Heimat ist schon gar kein Begriff, der Menschen ausgrenzt, zurückstößt oder einen Zaun der Exklusivität um eine definierte Gruppe zieht. Heimat ist vielmehr ein Wurzelwerk, ein Gewebe aus Beziehungen, Vertrauen, Angenommen sein, Dazu-gehören. Heimat ist aber auch ein Gefühl der Identität und Geborgenheit, an dem man selbst mitarbeiten und für das man sich einbringen muss.

Hermann Hesse, der Heimat nie als Ort, sondern immer nur als Begriff der Innerlichkeit verstand, formulierte es so: „Wo befreundete Wege zusammenlaufen, da sieht die Welt für eine Stunde wie Heimat aus“.

In diesem Sinne möchte ich Sie alle einladen und auffordern, Wege zu ebnen, sich auch 2018 für unsere Heimat Rosenheim zu engagieren und weiter an der Zukunft von Stadt und Landkreis mitzubauen.

Herzlichen Dank!